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11. November 2008

Wenn's beim Fortissimo in den Ohren klingelt: PTB entwickelt Schallschutz für Orchestermusiker

"Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden", lästerte Wilhelm Busch. Auch wenn die Sache mit der Schönheit Geschmackssache ist, so steckt in dem sarkastischen Spruch eine bittere Wahrheit: Orchestermusiker gefährden mit der eigenen Musik ihre Ohren. In einer Wagner-Oper können Lärm-Werte von 120 Dezibel (dB) und mehr erreicht werden. Daher hat die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) einen Schallschutzschirm entwickelt, der den Schallpegel am Ohr des Musikers um bis zu 20 dB senkt.

Nach Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin liegt der durchschnittliche Lärmpegel in Symphonie- und Opernorchestern zwischen 80 dB(A) und 100 dB(A). Damit sind Orchestermusiker in ihrem Arbeitsalltag Schalldruckpegeln ausgesetzt, die Gehörschäden verursachen können. Zum Vergleich: Bei 85 dB ist es so laut, dass man sich nur mehr schreiend verständigen kann. Die EU hat daher eine Arbeitsschutzrichtlinie erlassen, die Lärmschutzmaßnahmen vorschreibt, wenn der so genannte Tageslärmexpositonspegel - das ist ein über acht Stunden gemittelter Wert - 80 dB überschreitet. Aber obwohl die Vorschrift seit dem 15. Februar dieses Jahres für alle Orchestermusiker gilt, hapert es oftmals an ihrer Umsetzung, denn es gab bis jetzt keine annehmbare Lösung für das Lärmproblem. Weder ein individuell angepasster Gehörschutz (Otoplastik) noch einfache Ohrstöpsel aus der Apotheke sind für Musiker ideal. Sie unterscheiden nämlich nicht zwischen Musik und Sprache, und so verstehen die Musiker bei den Proben den Dirigenten nicht mehr. Bei den Bläsern kommt ein weiteres Problem hinzu: Mit einem Ohrstöpsel hört man mehr Körperschall als zuvor, der Spieler kann seinen Ton nicht mehr so kontrollieren wie gewohnt. Auch kommerzielle Schallschutzschirme sind ungeeignet, da sie viel zu klein sind und so den Lärm sogar verstärken können.

Der von der PTB entwickelte Schallschutz besteht dagegen aus einer großen Plexiglasfläche, die im 45 Grad-Winkel über dem Kopf des Musikers angebracht wird. Der Schirm leitet den Schall nach oben weg und reduziert so die Lärmbelastung darunter deutlich. Da die PTB auf genaue Schallpegelmessungen spezialisiert ist, konnte sie die Eigenschaften des Schallschutzschirmes gleich sorgfältig untersuchen. An dem Projekt waren zwei weitere Vertragspartner beteiligt, die die Finanzierung ermöglichten, nämlich der Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe und die Städtischen Bühnen Münster. Letztere stellten außerdem ihr Orchester für die Erprobung des Schirmes zur Verfügung.

Die PTB hat ihren Prototyp nicht patentieren lassen, da sie keine besonderen Materialien verwendet, sondern nur grundsätzliche Zusammenhänge untersucht hat. Das hat den Vorteil, dass er nun in jeder Bühnenwerkstatt leicht nachgebaut werden kann. Allerdings wirkt der Schallschutzschirm nur, wenn er den individuellen Gegebenheiten des Probenraumes oder des Orchestergrabens angepasst ist. Die PTB kann sich aber auch vorstellen, dass eine Produktionsfirma in das Projekt einsteigt und den Schirm auf den Markt bringt.


Der neue Schallschutzschirm besteht
aus einer Plexiglasfläche, die im
oberen Teil um 45° geneigt ist und
so den Schall nach oben leitet. Um
Reflexionen zu vermeiden, müssen
alle Flächen unterhalb des Sichtbereiches
mit Absorbermaterial bedeckt sein. (Foto: PTB)

Ansprechpartner

Dr. Ingolf Bork, Physikalisch-Technische Bundesanstalt Braunschweig, Arbeitsgruppe Geräuschmesstechnik
Telefon: 0531 / 592-1531