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10. Dezember 2008

Flugsicherheitsstudie: Häufig Kollisionsalarm am Himmel

Im Schnitt mehr als einmal täglich besteht allein im norddeutschen Luftraum das Risiko, dass zwei Flugzeuge kollidieren. Das hat eine Untersuchung der Bordschutzkollisionssysteme an Verkehrsflugzeugen ergeben, die die TU Braunschweig weltweit erstmals vorgenommen hat.

Ein Jahr lang hat das Institut für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherung unter Leitung von Professor Peter Form den Flugverkehr in Norddeutschland beobachtet. Von einer experimentellen Bodenstation in Braunschweig aus wurde der Datenaustausch zwischen den Verkehrsflugzeugen während 2,5 Millionen Flugstunden mitgehört und analysiert. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie die an Bord jedes Verkehrsflugzeuges installierten Warngeräte (Airborne Collision Avoidance System, ACAS) funktionieren, wann und wie häufig sie anschlagen und wie die Piloten darauf reagieren. Dazu haben sie alle Kollisions-Alarme aufgezeichnet und ausgewertet. Das überraschende Fazit: Pro Tag drohte mehr als einmal ein Zusammenstoß und in jedem siebten Fall hat das Flugpersonal sich nicht an die Ausweichanweisungen des Systems gehalten. „Das ist einmal am Tag zuviel“, resümiert Professor Form.

Bei der Untersuchung fand er auch heraus, dass das ACAS typischerweise dann ansprach, wenn der Pilot das Flugzeug auf Anweisung der Fluglotsen am Boden manövrierte, also es steigen oder sinken ließ, abbremste oder beschleunigte. „Das weist darauf hin, dass es einen Widerspruch zwischen den Regeln der Flugsicherung und den Standards für ACAS gibt“, so Form. Ähnliche Erkenntnisse hatte es bereits im Jahr 2002 nach dem fatalen Zusammenstoß zweier Flugzeuge in Überlingen am Bodensee gegeben. Damals hatten die Bordsysteme miteinander kommuniziert und automatisch ein Ausweichmanöver koordiniert; die Fluglotsen hatten jedoch abweichende Anweisungen gegeben.

ACAS wurde von der internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO als Rettungssystem der letzten Sekunden konzipiert. Es misst den Abstand und die Höhendifferenz und gibt dem Piloten Ausweichanweisungen. Ziel ist es, die Häufigkeit von Kollisionen in der Luft um den Faktor 10 zu senken, das heißt auf einen Unfall pro Milliarde Flugstunden. Obwohl die ICAO Anfang der 1990-er Jahre beschlossen hatte, die Kommunikation der mit ACAS ausgerüsteten Flugzeuge von Empfangs- und Auswertungsstationen in allen Industriestaaten ständig mitzuhören und auszuwerten, gab es bis zu Beginn der Braunschweiger Studie keine solche Einrichtung. Mittlerweile wurde das Forschungsprojekt der TU Braunschweig um gut vier Monate bis Ende 2008 verlängert. Dafür wurden vier weitere Bodenstationen in ganz Deutschland verteilt installiert. Von diesem weltweit einmaligen Netz aus haben die TU-Wissenschaftler 800 bis 1.000 Flugzeuge gleichzeitig im Bild und beobachten 15.000 Flugstunden am Tag. Allein an 98 Tagen haben sie bereits 510 Kollisions-Alarme registriert.

Für die Ergebnisse interessieren sich inzwischen mehrere deutsche Fluggesellschaften und die Europäische Luftsicherheitsbehörde. Diese müsste entscheiden, welche Konsequenzen sie daraus für die Flugsicherungsregeln zieht. Um die bisherigen Erkenntnisse auf eine bessere Basis zu stellen, plädiert Professor Form für eine Langzeitbeobachtung und eine tiefere Analyse.

Das Forschungsprojekt wurde vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert und in Zusammenarbeit mit der deutschen Flugsicherung und der Firma Thales entwickelt.

Bild: IdW

Weitere Informationen:
www.tu-braunschweig.de

Ansprechpartner

Prof. Dr. Peter Form, Technische Universität Braunschweig, Institut für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherheit
Telefon: 0531 / 391-9880